Verfasst von: Nico Ackermann | 6. Mai 2010

Endlich nach Nepal

Ich musste in Varanasi noch ein paar Tage auf meine Reifen warten, da sich immer wieder neue Probleme ergaben. Jeder wollte gern noch etwas an mir verdienen. So wurde die ganze Geschichte doch teurer als erwartet. Aber was soll’s, schließlich macht Fahren ohne Reifen keinen großen Spaß. Schlussendlich hat es doch noch geklappt und ich konnte die Schlappen endlich in meinen Händen halten. Ich wollte gleich am nächsten Tag aufbrechen, zuvor aber noch den Vorderreifen wechseln und an den Taschen noch ein paar Reparaturen vom kleinen Unfall zuvor erledigen.

So eine Taschenreparatur kann schon recht stressig sein, da ich beim Schneider von 200 Leuten umringt war und dieser dadurch sehr schnell die Geduld verlor. Es gab ein so starkes Gedränge, so dass die Vorderen auf mich drauf geschoben wurden. Ich musste ein wenig ungemütlich werden um mir etws Luftz zum Athmen zu verschaffen. Inder verstehen die Worte „Fass das bitte nicht an“ einfach nicht. Mehrfach wurde die Afri fast umgerissen. Kinder versuchten, kleine Teile zu stehlen. Einer hat mir sogar einen Blinker abgerissen. Eigenartig war, dass ich zwei Tage zuvor schon an selber Stelle stand und das niemanden interessierte.

Sehr frustriert ging ich dann zum Hotel zurück und musste mir ein letztes Mal eingestehen, dass in Indien einfach nichts so funktioniert, wie man es gern hätte. Ich war nun wirklich so weit, das Land zu verlassen.

Also ging es am nächsten Tag endlich nach Nepal. Und je näher ich der Grenze kam, um so klarer wurde mir, dass es schon längst Zeit war, aus Indien herauszukommen. Es gab sicherlich viele schöne Momente in Indien und ich habe eine Menge faszinierender Dinge gesehen. Aber schlussendlich hat mich Indien eher enttäuscht, da ich mir zuvor viel davon erhofft hatte. Für so eine Art Reise ist das aber nicht schlecht, da man ja nach Herausforderungen sucht. Trotzdem möchte man für seine Mühen auch entlohnt werden, so dass man sagen kann, dass es die Strapazen wert war.

Die Strassen sind einfach extrem gefährlich und verglichen mit den anderen von mir bereisten Ländern steht Indien einfach an letzter Stelle. Dennoch möchte ich es nicht missen, vor allem auch weil man immer den Vergleich braucht, um Dinge wertschätzen zu können. Ohne die Probleme bei der Reifenbeschaffung wäre ich schon einen Monat zuvor draußen gewesen. Aber das liegt nun hinter mir.

Und deswegen heißt es jetzt: „Willkommen Nepal“. Der Menschenschlag änderte sich gleich an der Grenze. Man wird freundlich empfangen, Leute lächeln mal wieder und sagen „Danke“ und „Auf wieder sehen“. War mir gar nicht so bewusst, aber das hab ich doch sehr vermisst. Die Grenzprozedur ging recht schnell von statten. Eigenartig ist, dass man das Visa in US-Dollar bezahlen muss. Es wird keinerlei andere Währung akzeptiert. Auch der Verkehr verändert sich nach der Grenze sehr stark. Es ist zwar immer noch recht chaotisch, aber man wird als Motorradfahrer wieder als vollwertiges Mitglied im Verkehr akzeptiert. Das bedeutet, dass einen die LKW Fahrer nicht mehr mit einem Grinsen von der Strasse drängen.

Für die Nacht ging es nach Lumbini, der Geburtsstädte Buddha’s. In der Stadt selbst ist nicht viel los, aber es gibt recht nette Tempelanlagen in der Umgebung, welche eine kurze Besichtigung wert sind.

Am folgenden Tag stand aber erst mal Reifenwechseln auf der Tagesordnung. Der ortsansässige Reifendienst hatte an diesem Tag aber keine Lust zu arbeiten. Also selbst ist der Mann. Meine Montierhebel kamen das erste Mal zum Einsatz. Diese Hebel sind zwar eher von der winzigen Sorte, haben aber ein besonderes Design so das es nicht all zu schwer war. Also hat sich die wochenlange Suche nach vernünftigem Equipment mal wieder bezahlt gemacht. Ich war schon recht stolz auf mich. Jetzt kann der nächste Platte in unbesiedeltem Gebiet kommen. Na ja, das sollte ich wohl nicht so laut sagen.

Während meiner Reparaturarbeiten kam ein anderer Motorradfahrer zur Tür herein, der gerade einen platten Reifen an seiner Enfield behandelte. So kamen wir schnell ins Gespräch. Sein Name ist Rob. Er kommt aus Süd-Afrika und ist ein recht lustiger und bisschen durchgeknallter Typ.

Am nächsten Tag machten wir uns gemeinsam auf nach Pokhara. Und ich muss schon sagen dass die Royal Enfield gar nicht mal so schlecht läuft. Die Berge hoch geht es zwar etwas gemächlich dahin, aber auf freier Strecke ist die Geschwindigkeit durchaus akzeptabel. Ich bin echt neidisch auf seine Art zu Reisen.

Sein Gepäck besteht aus einer kleinen Sporttasche, und seine Sicherheitsausstattung aus einem Helm für umgerechnet 3 Euro (meine Klamotten haben 500 Mal so viel gekostet). Deswegen braucht er früh nicht wie ich 20 Minuten, um die Taschen aufs Motorrad zu laden und in die Klamotten zu steigen. Jedoch möchte ich im Falle eines Unfalls sicher nicht mit ihm tauschen.

Der Strasse nach Pokhara war ein Traum für Motorradfahrer. 150 km Serpentinen mit einem traumhaften Ausblick auf den Fuß des Himalajas. Mit jedem Kilometer wurde es besser. Dazu kleine Dörfer am Wegesrand mit Menschen, bei denen es den Eindruck macht, dass die Welt hier noch in Ordnung zu schein seit. Der westliche Einfluss ist zwar zu sehen, aber dennoch scheinen sie noch ihre Kultur bewahrt zu haben. Was sicherlich nicht für immer so bleiben wird.

In Pokhara angekommen war erstaunlich viel auf den Strassen los. Wie sich dann herausstellte, war gerade Nepalesisches Silvester. Man hieß das Jahr 2067 willkommen. In den folgenden Tagen musste ich leider feststellen, dass es ansonsten recht wenig Nachtleben gibt. Gegen 22:30 räumt die Polizei die Strassen frei. Man sieht um diese Zeit oft nur noch Touristen, die mehr oder weniger schwankend den Weg nach Hause suchen.

Trotzdem sind die Tage hier sehr angenehm. Eine herrliche Umgebung mit einem großen See. Wenn das Wetter gut ist, kann man ein paar 7000er des Himalajas sehen.

Wir trafen später noch einen weiteren Enfield-Fahrer namens Hutch. Er tourte auch durch Indien und ist nach Nepal gekommen, um ein neues Indisches Visum zu beantragen.

Dieser Typ, den wir hier in Pokhara trafen, ist ende Oktober nach Leh auf den höchsten Highway der Welt hochgefahren und wurde mit seiner Enfield vom Schnee erfasst. Er musste drei Wochen warten, bis die Regierung einen Convoi gebildet hatte, um die verbliebenen Fahrzeuge herauszuholen. Dazu verlud er die Enfield auf einen LKW. Während der Abfahrt starben nach seinen Erzählungen 12 Menschen, weil Fahrzeuge über die Klippen schlitterten.  Es muss wohl die aufregenste Fahrt seines Lebens gewesen sein. Dennoch möchte ich gern dahin.

Haben zusammen allen möglichen Blödsinn angestellt und ein paar Ausfahrten zu den kleineren Bergen in der Umgebung unternommen. Aber alles in allem nichts Aufregendes – bis auf einen kleinen Bootstrip.

Während wir auf dem See waren, wurde das Wetter zunehmend schlechter. Der Wind wurde stärker, es begann zu regnen. Alle Nepalesen ruderten zielsicher flink zum Ufer. Wir dachten uns, dass es schon nicht so schlimm werden wird. Als es dann auch noch Anfing in der Ferne zu Gewittern, wollten wir doch auch den Rückweg antreten. Es begann schlagartig zu Hageln und der Wind wurde immer stärker. Das Boot drehte sich in die Wellen und wurde fast überflutet. Jetzt wurde die ganze Sache doch recht ungemütlich. Rob und ich ruderten wie wild, Hutch schöpfte Wasser. In dem Augenblick, als wir das Ufer erreichten, wuchsen die Hagelkugeln zu Golfballgröße an. Das bescherte uns ein paar Beulen auf dem Kopf und eine Menge blauer Flecken. 10 Sekunden zuvor meinte Rob noch, dass er deswegen nicht in den Schlamm springen wird. Schmerzen jedoch beflügeln. Ich fand glücklicherweise Unterschlupf unter einem Dach. Die Beiden kauerten witzigerweise unter einem kleinen Felsvorsprung mitten im Schlamm, da sie die Situation erst ausdiskutieren mussten. So war alles ok, aber das hätte auch schnell schief gehen können.

Leider hatte sich auch größeres Problem mit der Afri herausgestellt. Die komischen Geräusche im Motor wurden immer stärker, so dass ich ihn doch mal aufmachen musste. Dabei hat sich herausgestellt, dass das Hauptwellenlager hinüber ist. Glücklicherweise kann man dieses wechseln, ohne den ganzen Motor aufmachen zu müssen. Das Lager war hier nicht zu beschaffen. So musste ich das Teil erst mal in Deutschland bestellen. Zum Glück habe ich noch in Deutschland eine extra Versicherung für weltweiten Ersatzteilversand bei der D.A.S. abgeschlossen. Nach einem kurzem Telefonat hat sich ein Mitarbeiter gleich drum gekümmert und entsprechendes Teil bestellt. Innerhalb von nur einer Woche hatte ich das Teil mit kostenlosem Versand in meinen Händen. Ist schon schön zu wissen, dass solche Sachen in Deutschland noch funktionieren. In den meisten anderen Ländern der Welt interessiert so etwas Niemanden. Es würde Monate dauern, bis sich überhaupt mal jemand in Bewegung setzt.

Leider konnte ich aber keinen speziellen Kugellager-Abzieher organisieren. Daher musste ich mir selber etwas basteln. Der Werkstattbesitzer bei dem ich schraubte, hatte einen Deutschen Kollegen, der hier schon seit 20 Jahren wohnt und auch gleich vorbei kam. Zusammen war es dann nicht mehr so schwer, etwas zurecht zu schweißen, da er alles übersetzen konnte und er auch ein gern gesehener Gast der meisten Werkstätten war. Schlussendlich haben wir auf dem Kugellager ein Werkzeug, welches wir auch erst basteln mussten, fest geschweißt um es heraus zu bekommen. Wie eine Operation am offenen Herzen.

Zudem war den ganzen Tag Stromausfall, so dass wir das nur in der Nacht machen konnten. Die Afri lag auf der Seite, und unter einem Regenschirm wurde auf der Hauptstrasse am offenen Motor herumgeschweißt. Hat aber prima funktioniert. Nach etwa acht Stunden Arbeit erklang sie wieder, schnurrend wie am ersten Tag. Der Werkstattbesitzer ließ den Laden sogar extra drei Stunde länger auf. Störte ihn aber nicht sonderlich, da er mit seinen Kollegen jeden Reparaturfortschritt mit Selbstgebranntem feiern musste. Je besser es der Afri ging umso besser ging es also auch dem Publikum.

Jedenfalls gibt es keine dummen Geräusche mehr. Sie fährt sich, als ob ich einen neuen Motor hätte. Wenn die Probleme schleichend kommen gewöhnt man sich eben leider an die Geräusche und nimmt sie nicht mehr als so drastisch wahr. Ich denke, den Motor hätte es bestimmt in den nächsten 500 Kilometern erledigt.

Nun konnte es wieder weiter gehen und wir schmiedeten Pläne. Ich wollte gern nach Jomsom hoch auf einer Strasse die entlang des Trekking-Weges führt. Soll recht anspruchsvoll sein, aber die Afri wird das schon meistern. Jedoch scheiterte dieser Plan, da man eine Erlaubnis benötigt, die man bezahlen muss. Dazu waren die Anderen nicht bereit. Also werde ich das später allein machen und fahre erst mal mit den anderen gemeinsam in den Osten. Es gibt da ein paar interessante Dörfer.

So vergingen 4 Tage mit kurzen Fahrten in nette kleine Ortschaften, die unterschiedlichen Charakter haben. Dazu gibt es wunderschöne Aussichten auf die Berge. Wir nutzen auch die Flüsse zur kurzen Abkühlung zwischen den Fahrten. Aber das einzigartige an der ganzen Sache war dass zu dieser Zeit gerade die Maoisten im Land streikten. Das bedeutete, dass jeder Laden geschlossen war und überhaupt kein Verkehr herrschte. Kinder spielen Kricket auf den Strassen. Das ganze Dorf sitzt herum und vertreibt sich den Tag. Somit hat man völlige Freiheit auf den Strassen. Des Öfteren versuchen einen zwar Maoisten anzuhalten, aber das machen sie weniger überzeugend da sie auch nicht wissen ob es für Touristen erlaubt ist oder nicht. Mittlerweile streiken die Leute aber schon seit fünf Tagen und es ist kein Ende in Sicht.

Die Leute werden wohl eher zum Streik gezwungen, als ob sie das aus freien Stücken tun würden. Mittlerweile wächst auch die Gewaltbereitschaft der Demonstranten. Nach und nach gehen hier und da die Lebensmittel aus, was auch sicherlich die Absicht der Maoisten ist. Der längste so durchgeführte Streik war im letzten Jahr und ging über 19 Tage. Dabei wurden auch die BMWs von 2 Deutschen auf der Strasse in Brand gesetzt, da diese an Streiktagen gefahren sind. Kann hier schon noch recht übel werden. Aber ich werde sehen. Man muss halt immer die Gruppendynamik im Auge behalten. Die Leute verlieren immer schnell jedes Gefühl von Verantwortung, sobald sie in der großen Masse sind. Wenn es hier zu bunt werden sollte, dann fahre ich in der Nacht. Auch in Thailand sieht die Situation im Moment nicht gerade rosig aus. Irgendwie scheine ich das ganze anzuziehen.

Aber ich bin heil durch Pakistan gekommen und daher werde ich die Situation hier auch meistern.

, welches wir auch erst basteln mussten,
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Responses

  1. Hallo Nico,

    Du hast ja sooo recht … Wir sind als Overlander mit unserem Mercedes Kurzhauber unterwegs und hatten es in Indien auch nicht mehr ausgehalten. Die letzten Kilometer waren die schlimmsten …
    Traurig, aber ich denke, man kann das ruhig mal aussprechen.

    Wenn Du wieder Probleme mit Deiner Afri haben solltest, wir stehen in Kathmandu bei einer vernünftigen Werkstatt, die sich auch mit ‚Big Bikes‘ beschäftigen … und Motorrad-Liebhaber sind !!!
    http://www.nepalworkshop.com

    Noch viel Spaß in Nepal, vielleicht treffen wir uns „on the Road“.

    Beste Grüße, Till

  2. oha, also doch ein lagerschaden. müsste das unter dem kupplungskorb gewesen sein was? naja in 99% der fälle sind es halt die federn auf der rückseite die im kupplungskorb klappern. son lager rumpelt halt mehr. das kann man dann auch fühlen.
    schön das du indien bald hinter dir hast. in nepal ist es bestimmt angenehmer. ich hatte mich schon gefragt wann du die erste schlägerei in indien anzettelst^^
    nur nach deinen erzählungen hätte man mich schon mehrmals nicht zurückhalten können 🙂 was für ein pack^^
    gute reise!


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