Verfasst von: Nico Ackermann | 30. Oktober 2010

Der lange Weg heraus aus den Bergen

Die ganze Geschichte in Leh zog sich dann doch noch weitere fünf Tage, bis endlich die Strassen wieder geöffnet wurden. Sogar die Strasse nach Srinagar öffnete zeitgleich. Wir entschieden uns also, dort hin zu fahren. Wir waren uns auch der Gefahren bewusst, da durch die andauernden Studentenproteste nach wie vor Leute auf den Strassen umgebracht werden. Wir wollten eigentlich nur auf die Hausboote, die von dem Rest der Stadt abgeschnitten sein sollen.

Einen Tag zuvor gesellten sich noch Lucky und Martin dazu, wobei Lucky sich auch noch eine Mitfahrerin namens Jenna anlächelte. Ich wusste aber zuvor nicht, in welchem katastrophalen Zustand sich deren Enfields befanden. So wollten wir um 10 Uhr am nächsten Morgen los.

Die Strecke dauert normalerweise um die zwei Tage. Aber es kommt ja bekanntlich alles anderes als man denkt. Kurz vor 10 Uhr verweigerte Martins Motorrad erst mal seinen Dienst. Irgendein Elektronikproblem. Aber wir hatten ja Frank, den Elektroniker. Also konnte ich in aller Ruhe frühstücken. Gegen Zwei Uhr nachmittags ging es dann endlich los. Die Anderen waren sich aber noch sicher, dass wir das 240 km entfernte Kargil ohne weiteres bis zum Abend erreichen sollten. Es scheint wirklich so, dass Kiffer einen unerschütterbaren Optimismus besitzen. Natürlich schafften wir gerade mal die Hälfte der Strecke.

Man muss aber auch dazu sagen, dass wir einen Platten hatten. Aber darin bekamen wir in den nächsten Tagen recht viel Übung. Am Abend schaute ich mir mal Luckys Motorrad etwas genauer an und bemerkte, dass am Hinterrad schon 5 Speichen fehlten. Alle auf einer Halbseite. Dabei hatte er noch jemanden hinten drauf und auch eine Menge Taschen, so dass er aussah, wie ein Schwertransporter. Meine Bedenken, dass dies lebensgefährlich sei, verdrängte er ganz schnell mit einem Joint. So konnte er wieder sorgenfrei unterwegs sein. Jenna war dabei aber nicht so wohl. Da seine Enfield so stark beladen eh immer die langsamste war, entschlossen wir uns, Jenna bei mir hinten drauf zu packen.

Am nächsten Morgen sollte es dann weiter gehen, aber wir kamen wieder nicht vor zwei Uhr nachmittags los. Martins Motorrad hatte einen Platten. Wunderte mich eh ein wenig, dass wir mit drei Enfields unterwegs waren, aber nur einen Ersatzschlauch dabei hatten. Aber besagte Leute und ihr Optimismus. Schlussendlich erreichten wir am Abend Kargil.

Ich muss sagen, dass ich diese Stadt mochte. Denn die Menschen verhielten sich eher muslimisch, was mir irgendwie mehr liegt. Man konnte mal wieder ein paar Gespräche führen. Am Abend veranstalteten die Jungs unseres Hotels ihre wöchentliche Probe ihrer Boyband. Es kam ein wenig Partystimmung auf, Ohne Mädels war das Ganze trotzdem ein wenig eigenartig.

Hier von Kargil aus startet auch die Route ins Zanskar-Tal hinein, das als eines der schönsten und fahrerisch als das anspruchvollste Gebiet Ladakhs gilt. Nun galt es zu entscheiden, ob wir diese Strecke angehen wollten. Ich hatte darauf wegen des Zustands der Motorrädern von Martin und Lucky keine Lust. Aber wir ließen eine Münze entscheiden. Somit gingen wir die Sache an.

Ich wollte aber auf alle Fälle nur bis zu einem Gletscher, der nach ungefähr 85 Kilometern entlang der Strecke kommen sollte. Eigentlich sollte das Ganze auch in einem Tag zu schaffen sein. Luckys Motorrad entschied sich aber dazu, direkt vor mir seine Kette auf die Strasse zu spucken. Dazu kam noch ein Platter. Somit schafften wir nur etwa 50 Kilometer, wobei die ersten 30 Kilometer guter Asphalt waren. Die Nacht verbrachten wir in unseren Zelten. Hatte ich schon lange nicht mehr gemacht. Früh kam eine Herde mit Ziegen und Kühen und versuchten, unsere Reste aufzufuttern. An diesem Tag erreichten wir dann tatsächlich den Gletscher. Wirklich ein schöner Anblick. Die anderen wollten gern noch weiter ins Tal hinein, worin ich aber keinen Sinn sah. Man kann bis zu 240 Kilometer tief hinein fahren, wonach mir aber wirklich nicht der Sinn stand. Ich hatte schon genügend Gebiete tief in den Bergen gesehen. Glücklicherweise verschlechterte sich die Strasse so, dass auch den Anderen die Lust verging und wir machten uns wieder auf die Rückreise. Wir fuhren sogar noch zwei Stunden in der Nacht, um Kargil wieder zu erreichen. Witzigerweise fiel Martin unterwegs ein, dass sein Visum nur noch drei Tage gültig war und er sich nun doch beeilen müsste, um es zu verlängern. Das ist aber nur in Srinagar möglich. Also beeilten wir uns am nächsten Tag, um beizeiten los zu kommen. Gegen 13 Uhr Nachmittags waren wir dann auch tatsächlich unterwegs. Diesmal verabschiedete sich Franks Kupplung. Martin hatte mal wieder einen Platten, was wir aber mittlerweile schon gar nicht mehr als Problem ansahen. Es gehörte zu jedem Tag schon dazu. Kam auch öfters vor, dass wir früh aufbrechen wollten und bei zwei Motorrädern erst mal die Reifen flicken mussten, da diese mysteriöserweise in der Nacht dahin gegangen waren. Wie wir später herausfanden, war das auf massiven Speichenverlust der beiden Enfields zurückzuführen.

Schließlich verbrachten wir die Nacht etwa 70 km vor Srinagar was aber gar nicht so schlecht war, da wir dadurch unsere neuen Gastgeber kennen lernten. Normalerweise lasse ich mich ja nicht gern auf Verkaufsgespräche ein, aber diese beiden Typen hörten nach kurzem Bitten damit auf und man konnte ein vernünftiges Gespräch führen. Sie luden uns am Abend noch zu sich ein. Man konnte viel über ihre derzeitigen Lebensumstände, ihre Familien und ihre Probleme erfahren. Das macht ja den eigentlichen Sinn am Reisen aus. Hier im eher muslimischen Norden Indiens wollen einen die Menschen auch mal wieder daran teilhaben lassen. Schlussendlich stimmten wir zu, wenigstens einen Blick auf ihr Hausboot zu werfen.

Also ging es am nächsten Tag dort hin und wir verliebten uns auf der Stelle. Nach kurzer Verhandlung stimmte auch der Preis. So musste die nächsten Tage wenigstens nicht mehr über Geld geredet werden. Nun wollten wir zuerst ein Mal ein paar Tage ausspannen und die Atmosphäre am Fluss genießen. Auch wollten wir ein paar nötige Reparaturen durchführen. Leider gab es in der kompletten Stadt eine Ausgangssperre. Nur am Tage an dem wir ankamen, hatten die Läden geöffnet. Leider war es nun schon zu spät, da es in Indien immer eine Ewigkeit dauert wenn man etwas sucht, das man nicht an jeder Ecke bekommt. Somit hieß es also für die nächsten Tage entspannen.

Zuerst wollten wir uns ein Boot ausleihen, jedoch entdeckten wir ein halb zerfallenes direkt bei uns am Peer. Nach kurzer Rücksprache mit unserm Hausbootbesitzer durften wir es bergen und damit machen was wir wollten. Das dauerte natürlich eine Weile. Nachdem er aber sah, dass die Schäden am Boot doch nicht so groß waren und er es durch einen Zimmermann günstig wieder herstellen lassen kann, mussten wir uns schlussendlich doch ein Boot ausleihen. Hin und wieder gingen wir in die Stadt um verschiedene Sachen zu besorgen, jedoch war die Situation doch recht angespannt. Schließlich wurden in dieser Stadt nicht ohne Grund über 70 Menschen bei Demonstrationen umgebracht. Glücklicherweise bekamen wir auf dem Hausboot davon gar nichts mit.

Nur einmal eskalierte die Situation, als ich gerade zu Fuß eine Kreuzung überqueren wollte. Auf einmal fingen die Menschen um mich herum an, einen Polizisten anzuschreien und bewegten sich recht schnell auf ihn zu. Er ergriff seine Waffe und schoss ein paar Mal in die Luft um sie danach auf die Leute zu richten. Glücklicherweise musste er aber nicht auf jemanden feuern, da alle blitzartig davon liefen. Das Ganze fand nur  ein paar Meter von mir entfernt ohne Vorankündigung statt. Ich weiß auch bis heute noch nicht, was die Ursache des Ganzen war.

Schlussendlich war es aber an der Zeit, auch das Boot zu verlassen und mich langsam auf den Weg zu machen, das Land wieder zu verlassen. Leider fand die Gastfreundschaft am letzten Tag ein jähes Ende, da es ab diesem Zeitpunkt wieder nur noch ums Geld ging. Der Sohn, mit dem wir eigentlich zu tun hatten, war nicht mehr da, sondern nur noch seine Eltern. Die Frau fragte uns etwa 10-mal ob wir ihr nicht ein Trinkgeld fürs Essen geben wollen. Und trotz strömenden Regens wollte man uns unbedingt um 12 Uhr Mittags heraus haben, oder wir müssten einen weiteren Tag zahlen. Andererseits kann ich das aber auch verstehen, da der Tourismus ihre einzige Einnahmequelle ist und durch die schlechten politischen Umstände bleibt er dieses Jahr fast komplett aus. Schließlich existieren auf den Seen in Srinagar etwa 2500 Hausboote und fast jedes war leer.

Schließlich brachen wir am Nachmittag auf. Dies war unser erster gemeinsamer Tag ohne Pannen, was uns doch alle ein wenig verdutzte. Unsere weibliche Begleitung Jenna war auch nicht mehr dabei, da sie auf mein Anraten hin den Weg nach Amritsar zum Goldenen Tempel einschlug, den ich ja schon vor einer Weile beschrieben hatte.

Wir kamen zwar wieder zurück ins stärker besiedelte Indien, jedoch waren die Strassen immer noch wie ausgestorben, da die Streiks ein Fahren für Otto Normal Bürger nicht erlaubte. Durch die späte Abfahrt machten wir dennoch kaum Strecke und mussten zwischendrin übernachten. War aber recht lustig. Als wir in der Nacht etwas zu Essen kaufen wollten, fragten wir einen Inder nach dem Weg. Er machte immer nur komische Bemerkungen und gab uns ständig zu verstehen, dass er es nicht darauf abgesehen hat, uns anzufassen. Scheinbar scheint diese Stadt wohl eine Hochburg für homosexuelle Touristen zu sein, anders kann ich mir das nicht erklären. Aber wer weiß, welchen Eindruck vier Männer, von denen drei lange Haare bis fast zum Hintern haben, auf die Einheimischen machen.

Am nächsten Tag ging es dann weiter. Diesmal auch nahezu ohne Pannen. Sieben Kilometer vor unserem Ziel hatte Martin mal wieder einen Platten, aber keinen Ersatzschlauch mehr. Um 12 Uhr in der Nacht ließ sich auch nichts mehr auftreiben. Also versuchten wir es mit Reifenkleber und den Resten eines alten Schlauchs. Nach drei gescheiterten Versuchen gab er schließlich auf und fuhr die restlichen Kilometer mit plattem Hinterrad. Auf engen Serpentinenstrecken ist das nicht ganz ungefährlich.

Schlussendlich kamen wir an unserem Ziel um etwa drei Uhr in der Nacht an. Nichts hatte mehr offen. So verbrachten wir die Nacht mit Herumfahren in den Bergen Mcleod Ganj’s wo übrigens der Dalai Lama sein Exil gefunden hat. Frank wollte uns ein paar schöne Plätze zeigen, da er zuvor schon drei Monate hier verbrachte, aber er bekam es in seinem Zustand nicht mehr auf die Reihe, den richtigen Weg zu finden. So kamen wir nicht zum Schlafen.

Am Morgen war ich dann doch ein wenig angesäuert. Als die Jungs sich dann noch entschieden, in einem Hotel einzukehren zu dem man etwa 20 Minuten laufen müsste, reichte es mir. Ich wollte ja am nächsten Morgen wieder los. So entschied ich mich, trotz Müdigkeit den Weg nach Delhi anzutreten.

Ich dachte mir, wenn man schon in einer miesen Laune ist, dann ist Delhi vielleicht leichter zu ertragen. Nach meinem letzten Besuch wollte ich eigentlich keinesfalls zurückkommen.

Aber es kam mal wieder alles anders als ich dachte. Das erzähle ich Euch im nächsten Bericht. Dann kann ich euch auch erklären, warum ihr schon länger nichts mehr von mir gehört habt.

Nur so viel:

mittlerweile bin ich in Thailand und mache mich die Tage auf nach Kambodscha.

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Responses

  1. Hallo Nico,

    hoffentlich kommt bald der nächste Teil, das ist ja einfach wieder mal echt spannend! Aber du scheinst ja prima voranzukommen. Na dann weiterhin Hals-und Speichenbruch 😉

    Gruß
    Mac

  2. Schön, dass du wieder schreibst! Ich lese gespannt mit!

  3. Hallo Nico,

    schön von Dir zu hören, hatte mir schon sorgen gemacht ….

  4. Hallo Nico, ein Kumpel von dir hat mich auf diese Seite gelotst. Lese sehr gespannt mit, da für mich bald auch eine Reise durch diese Region auf ner Adventure od. GS ansteht. Hab einiges neues durchs lesen gelernt.
    Freut mich das du in Thailand bist, hatte mich schon gefragt wie lange du noch in Indien bleiben willst.
    Wie ist das mit der Africa Twin, die hat doch Keihin vergaser oder ? hätten sich die mühe gelohnt, bei der Fahrerei in höhen von mehr als +7.000-9.000 ft. , den vergaser auf fetteres gemisch zu stellen, um da nicht allzuviel Leistung zu verlieren ?

    Ich wünsch dir viele viele spannende Tage auf dem Bike und eine Allzeit Brave und funktionierende „Afri“


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